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INHALT


Ein alter Mann steht rauchend am Fenster. Zwei Mädchen streiten sich, wer als erste ins Badezimmer darf. Die Mutter bereitet das Frühstück zu. Und ein junges Paar betrachtet glücklich das schlafende Neugeborene. Doch das Bild trügt: Während die Wohnung ein sicherer Hafen für Familie und Nachbarn ist, tobt auf den Straßen ein unerbittlicher Kampf.

Bestürzend intensiv zieht der Berlinale-Publikumspreisgewinner den Zuschauer in die Wirklichkeit einfacher Menschen hinein, für die das einst traute Heim zum letzten Zufluchtsort wird und jede noch so kleine Entscheidung über Leben und Tod bestimmen kann. Innen Leben ist ein universelles, humanistisches und aufwühlendes Plädoyer von größter Dringlichkeit.

ÜBER DEN FILM

Kommentar des Regisseurs
Philippe Van Leeuw
Hiam Abbas
Diamand Abou Abboud
Juliette Davis

Kommentar des Regisseurs
Philippe Van Leeuw

Eines Tages im Dezember 2012 erzählte mir eine Freundin aus Damaskus, dass ihr Vater für drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war – ohne Telefonanschluss oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, weil die Stadt durch Bomben so sehr zerstört war. Ich sah diesen einsamen Mann vor mir, wie er in seinem eigenen Zuhause eingesperrt war, und stellte mir auch andere wie ihn vor, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Dies ist die Geschichte einer Familie, die in ihrem eigenen Zuhause eingeschlossen ist, weil draußen der Krieg tobt. Dieses Projekt war von einer gewissen Dringlichkeit getrieben. Im Bemühen, schnell zu reagieren, war für mich von Anfang an klar, dass es sich nur um einen Ort – das Apartment – und eine Zeitspanne von 24 Stunden handeln sollte, um zu verstehen, was gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen tun – keine Helden, sondern Menschen, die einfach nur auf die Situation reagieren, die sie gerade zu durchleben gezwungen sind. Ich wollte die Zerbrechlichkeit wie auch die Stärke vermitteln, zu der wir alle in Notsituationen fähig sind. Unser Instinkt gibt uns die Kraft, ums Überleben zu kämpfen, und unser Selbsterhaltungstrieb auf Kosten der Bedürfnisse anderer rührt aus denselben menschlichen Impulsen und moralischem Versagen. Dennoch gibt es keine Verurteilung oder eine aufgedrückte moralische Haltung, sondern nur Tatsachen, welche die Wirklichkeit freilegen sollen. Um die Authentizität des Skripts zu gewährleisten, suchte ich Rat bei den exilierten syrischen Filmemachern Hala Mohammad und Meyar Al Roomy. Außerdem konnte ich auf eigene Kenntnisse der Region zurückgreifen, denn in den letzten Jahren habe ich regelmäßig im Libanon gearbeitet. Diese beiden Länder teilen eine gemeinsame Kultur und gemeinsame Bräuche, genauso wie sie nun leider auch die Erfahrung des Bürgerkrieges teilen. Der Film ist als immersive Erfahrung gedacht. Die Wohnung fühlt sich an wie eine Blase, die kurz davor ist, zu explodieren. Die Schatten sind unheilverkündend und die Außenwelt scheint unerreichbar, verboten. Es ist, als ob die Figuren auf einem Vulkan sitzen, leicht reizbar, fahrig und egoistisch. Und dennoch versuchen sie, Empathie und Mitgefühl für ihre Mitmenschen zu zeigen. „Panic Room“ von David Fincher ist eine gute Referenz bezüglich der Spannung, doch hier gibt es keine Tricks, keine Spezialeffekte, sondern nur den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation, in der sich die Figuren befinden.

Wie in meinem letzten Film, „The Day God Walked Away“, war ich sehr darum bemüht, in meiner Herangehensweise an Gewalt jegliche Nachsicht und jeglichen Voyeurismus zu vermeiden. Wie Jacques Tourneur, glaube ich, dass je weniger man sieht, desto besser. Ich denke, dass man anfälliger ist für einen gewissen Realismus und Emotion, wenn man anstatt wegzuschauen, versucht zu sehen, aber nichts oder so wenig erkennen kann, sodass man die fehlenden Bilder im Kopf ergänzen muss. Nur dann kann jede Art von Emotionen einschließlich Terror wirklich über die Leinwand erlebt werden. Auch der Ton hat seine eigene Fähigkeit, Bilder in der Vorstellung zu wecken, oft stärker und lebendiger als Bilder dies können. Die gewalttätigen Handlungen, die im Film dargestellt werden, sind eher akustischer Natur als visueller. Ich versuche immer, etwas visuell auszudrücken, anstatt Dialoge zu benutzen, um die Dinge zu vermitteln. Meiner Meinung nach sollten Gesichter und Körper alles erzählen. Abgesehen von Hiam Abbass (die Mutter) und Diamand Bou Abboud (Halima) sind die Schauspieler alle syrische Flüchtlinge. Da Juliette Navis (Delhani) nicht Arabisch spricht, wurde sie darauf trainiert, ihre Dialoge rein phonetisch zu produzieren. Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.

Über den Regisseur
Philippe Van Leeuw

Philippe Van Leeuw wurde 1954 in Brüssel geboren. Er studierte an der Brüsseler Filmschule INSAS, bevor er nach Los Angeles zog, um am American Film Institute Kamera zu studieren. Zu seinen Lehrern gehörten dort u.a. Ingmar Bergmans Weggefährte Sven Nykvist und Conrad Hall („Butch Cassidy und Sundance Kid“, „Der Marathon-Mann“, „American Beauty“). Nach seiner Rückkehr nach Europa war er als Kameramann für diverse Dokumentarfilme sowie in der Werbung tätig. Sein Spielfilmdebüt als Kameramann legte er 1997 mit „Das Leben Jesu“ von Bruno Dumont vor. Seitdem hat er sich fiktionalen Stoffen zugewandt. Mit „The Day God Walked Away“ feierte er 2009 sein Regiedebüt. „Innen Leben“ ist sein zweiter Spielfilm als Regisseur. Philippe Van Leeuw lebt in Paris.

Über die Schauspielerin
Hiam Abbas

Hiam Abbass wurde 1960 in Nazareth geboren. Nach einem Fotografie-Studium in Haifa schloss sie sich der von François Abou Salem gegründeten Theatergruppe El-Hakawati an, mit der sie u.a. auf Tourneen durch Europa und die USA ging. Seit 1994 spielt sie regelmäßig in internationalen Film- und Fernsehproduktionen. In Deutschland wurde sie vor allem durch ihre Rollen in den Filmen „Die syrische Braut“ (2004) und „Paradise Now“ (2005) einem größeren Publikum bekannt. Für ihre Rolle in „Die syrische Braut“ wurde sie 2005 für den Europäischen Filmpreis als Beste Darstellerin nominiert. 2007 gehörte Abbass unter dem Vorsitz von Paul Schrader zur Jury der Berlinale. Dort stellte sie ein Jahr später den Film „Lemon Tree“ vor, bei dem sie nach „Die syrische Braut“ erneut mit Eran Riklis zusammenarbeitete.

Für die Hauptrolle der palästinensischen Witwe Salma, deren Zitronenbaum-Garten als Sicherheitsrisiko für den in direkter Nachbarschaft einziehenden israelischen Verteidigungsminister bewertet wird, wurde sie 2008 erstmals mit dem Ophir Award, Israels nationalem Filmpreis, ausgezeichnet und erhielt eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis 2008 als Beste Darstellerin. Nach ersten Kurzfilmarbeiten stellte Hiam Abbas bei den 69. Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2012 ihren ersten Spielfilm „Inheritance“ vor. Das Drama, für das sie auch das Drehbuch schrieb und an der Seite der Französin Hafsia Herzi die Hauptrolle übernahm, erzählt von den Hochzeitsvorbereitungen einer palästinensischen Familie, die im Zeichen des Krieges zwischen Israel und dem Libanon steht. Im gleichen Jahr war Abbass Teil der Wettbewerbsjury der 65. Internationalen Filmfestspiele von Cannes unter Vorsitz von Nanni Moretti. Hiam Abbass lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Zinedine Soualem, und ihren beiden Töchtern in Paris.

Über die Schauspielerin
Diamand Abou Abboud

Diamand Abou Abboud hat einen Abschluss in Schauspiel und Regie an der Lebanese University in Beirut, wo sie am Fine Arts Institute, Bereich Theater und Film, auch unterrichtet. Sie spielte in rund 13 Theaterstücken, 6 Spielfilmen und diversen TV-Serien und Kurzfilmen. 2002 drehte sie ihren ersten Kurzfilm „Point Virgule“. Außerdem schrieb sie 2013 das Drehbuch für den Spielfilm VOID, in dem sie auch eine der Hauptrollen spielte. Diamand Abou Abboud wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wie z.B. dem Lebanese Movie Guide Award als Beste Darstellerin für ihre Rolle in „Void“ und den Special Jury Award beim europäischen Filmfestival in Beirut für ihren Kurzfilm „Point Virgule“.

Über die Schauspielerin
Juliette Davis

Juliette Navis wurde 1980 in Paris geboren und absolvierte das Conservatoire National Supérieur d`Art Dramatique de Paris, die älteste und bedeutendste Schauspielschule Frankreichs. Dort lernte sie den Theaterregisseur Árpád Schilling kennen, mit dem sie seit 2006 regelmäßig in Frankreich und in Ungarn arbeitet. Juliette Navis ist Gründungsmitglied des Theaterkollektivs La Vie Brève. Hier entwickelt sie auf der Grundlage von Árpád Schillings Methodik, nach welcher Dramaturgie im Austausch zwischen den Schauspielern und einem vom Regisseur gesetzten Rahmen entstehen soll, Kollektivprojekte für Theater und Film. Im Kino trat sie bisher in kleineren Rollen bei Filmen von Cédric Klapisch („So ist Paris“, „Mein Stück vom Kuchen“), Etienne Chatiliez („Agathe Cléry“), Thomas Lilti („Hippocrate“) und Eric Baudelaire („The Ugly One“) in Erscheinung. Juliette Navis lebt in Paris.

PARTNER




»Es sind die Ereignisse eines einzigen Tages in einer Stadtwohnung, die zutiefst erschüttern. Sie zeigen, was die brutalen und unmittelbaren Folgen des Krieges tagtäglich für Familien bedeuten. Der Film porträtiert Menschen, die sich trotz der permanenten Gewalt in ihrem Leben mit unglaublicher Stärke behaupten.«

www.brot-fuer-die-welt.de




»INNEN LEBEN porträtiert drei syrische Frauen, die versuchen ihren Alltag im Krieg zu bewältigen und greift dabei auch die Problematik geschlechtsspezifischer Gewalt auf. Der Film zeigt uns auf sehr intime Weise die Realität der Frauen in den Krisengebieten dieser Erde und gibt uns einen Einblick in diese verzweifelte und ausweglose Situation.«

www.frauenrechte.de




»Gefangen im trauten Heim. Liebe und Mut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in Zeiten des Krieges. INNEN LEBEN ist ein packendes Kammerspiel, das niemanden kalt lässt. Ein beklemmender und beeindruckender Film. Man begreift, warum Tausende Syrer sich auf den Weg nach Europa gemacht haben.«

www.uno-fluechtlingshilfe.de




»Beklemmend, erschütternd! Ein Film, der die Schrecken des Krieges in die eigenen vier Wände holt.«

www.caritas-international.de